Referat, gehalten am 21. November 1994 während eines internationalen Kolloquiums „Regionalismus in Portugal“ im Zentrum Portugiesischsprachige Welt, Institut an der Universität Köln. Das Referat ist veröffentlicht in "Zeitschrift zur portugiesischsprachigen Welt", Heft 2/1995, Frankfurt/Main, S. 119-137.
Werner Tobias
Portugal ist das einzige Land in Westeuropa, in welchem
sich traditionelle Handwerksformen in großer Vielfalt bis in die heutigen Tage
gehalten haben. Man kann darüber spekulieren, warum dies so ist. Ein
Gesichtspunkt sei hier kurz angerissen:
Portugal ist immer ein zentralistisches Land gewesen.
Lissabon war der Mittelpunkt, Porto hatte immer dagegen zu kämpfen, für das
übrige Land blieb wenig übrig. Zudem waren der Nordosten, das Gebiet
Trás-os-Montes und der mittlere Osten mit der Beira schlecht zugängliche
Landschaften mit einer bis zum Teil heute noch nicht ausgebauten Infrastruktur
des Verkehrswesens. Eine Fahrt von Portalegre, Guarda nach Bragança und von
dort nach Chaves ist immer noch ein aufwendiges Unterfangen. Das Wort "Lissabon ist
Portugal - und der Rest ist Provinz" hat sicherlich einen wahren Kern. So
konnten Neuerungen nur schwer oder gar nicht in die entlegenen Gebiete
vordringen und es lag auch kein Interesse der Herrschenden vor, dies zu ändern.
Die Salazar'sche Politik der Abschottung des Landes gegen außen war der letzte
Höhepunkt dieser Entwicklung. In der "A Vos de Trás-os-Montes",
der einmal wöchentlich erscheinenden "Tageszeitung" von Vila Real,
berichtete man in der Ausgabe vom 1. 9. 1994 auf Seite 13 von der Einweihung
der Elektrizität in Pielas, einen kleinem Dorf mit 25 Einwohnern im Norden der
Stadt im Concelho Vila Pouca de Aguiar. Dabei wurde in Vila Real schon 1892 das
erste Elektrizitätswerk Portugals gebaut und bei der Bemessung der Straßenbeleuchtung
hat man sich nach dem Vorbild in Paris gerichtet. So dicht, und das ist auch ein Kennzeichen für Portugal, können
modernste Entwicklung und ein Verharren im Althergebrachten nebeneinander
liegen. Hier lassen sich leicht weitere Beispiele finden.
Das Spektrum des traditionellen Handwerks ist noch sehr
umfangreich. Es liegt eine Vielfalt von Monographien vor, in denen einzelne,
örtlich bezogene alte Handwerke beschrieben werden. Das heute noch bedeutendste
Gebiet überlieferter Handwerkskunst ist die Keramik: die Töpfereien, die
Ziegeleien mit Ziegelsteinen und Dachpfannen, die Fliesenmanufakturen. Aus
diesem Bereich möchte ich die schwarz gebrannte Keramik herausnehmen, um an ihr
aufzuzeigen, wie traditionelles Handwerk heute noch gepflegt und praktiziert
wird. Unter traditioneller Keramik verstehe ich dabei die Gebrauchskeramik wie
sie im Haushalt benutzt wird und die traditionelle Zierware, nicht die moderne
Kunsttöpferei, wie sie in den Großstädten und besonders in den
Fremdenverkehrszentren zu finden ist.
Auf der Karte 1
sind alle aktuellen Orte mit traditioneller Keramik verzeichnet. Man erkennt
deutliche Schwerpunktgebiete wie die Estremadura, der östliche Alentejo, die
Region Barcelos. Das markierte Gebiet, das sich wie eine Zunge von der Grenze
nach Spanien im Norden bis nach Mittelportugal hineinzieht, zeigt die Region
der Schwarzbrandkeramik, wobei Aradas bei Aveiro eine Sonderstellung einnimmt,
da der dortige Töpfer nur etwa 40 Prozent seiner Ware schwarz brennt. In Pisões
und Turquel im Großraum von Alcobaça experimentieren Töpfer mit der
Schwarzbrandkeramik. Sie beziehen ihre Kenntnisse aus Molelos.

2.1 Schwarze Keramik
Die älteste gefundene Keramik stammt aus der Zeit von um 20.000 Jahre v.Chr. Es kann angenommen werden, daß die ersten Stücke Keramik im offenen Feuer auf der Erde gebrannt wurden. Brennmaterial und Brenngut wurden zusammen auf dem Boden gestapelt. Damit das Brenngut bei einem zu schnellen Abkühlen keine Risse erhielt, wurde es nach dem Ende des Brandes mit Erde abgedeckt. Man bezeichnet diese Art des Brennens als offenen Feld- oder Meilerbrand. Man kann annehmen, daß die älteste Keramik schwarz gebrannte Keramik war.
2.2 Geschichte und Verbreitung in Portugal
Aus vorgeschichtlichen Funden schließt die Archäologie, daß die Gefäßkeramik zwischen 4.000 und 3.500 v.Chr. entlang der Mittelmeer- und Atlantikküste auf der iberische Halbinsel Verbreitung fand. Eine erste Hochblüte der Keramik auf dem Gebiet des heutigen Portugals ist während der Zeit der Kelten zu vermerken. Die Kelten haben hauptsächlich schwarz gebrannte Keramik hergestellt. Viele Funde aus Ausgrabungen keltischer Siedlungen (Citânia, Sabrosa..) bezeugen dies. Bis vor ca. 60 Jahren war die Schwarzbrandkeramik in Europa noch weit verbreitet: In Ungarn, Rumänien, Bulgarien, Polen, Italien, Frankreich, Spanien findet man zuweilen noch Gefäße aus dieser Zeit. An einigen Orten in Polen, Rumänien, Bulgarien, Ungarn, Spanien produzieren einzelne Töpfer auch noch heute in dieser Art. Daß aber ganze Töpferdörfer noch in dieser historischen Form arbeiten, findet man in Westeuropa nur noch in Nord- und Mittelportugal. 1988 habe ich 44 Töpfer gezählt, davon 19 alleine in Bisalhães[1]), zehn in Molelos und fünf in Vilar de Nantes. Der Rest verteilt sich auf die Orte Vila Seca, Fazamões, Ribolos, Olho Marino, Carapinhal und Aradas (Karte 2).
An den von diesen Töpfern benutzten verschiedenartigen Töpferscheiben und Brennverfahren lassen sich regionale Überschneidungen und Schwerpunkte darstellen.
2.3 Ein wenig Technik: Warum wird die Keramik schwarz?
Der aus der Zersetzung der Kohlenwasserstoffe des Brennmaterials stammende Kohlenstoff lagert sich auf der heißen, polierten Oberfläche des Scherbens als Glanzkohlenstoff, auf unpolierten, d.h. unverdichteten Flächen als nichtglänzende, schwarze Schicht ab und dringt auch gleichzeitig in den Scherben ein, so daß dieser durch und durch gefärbt wird. Dies geschieht bei etwa 700 bis 800 Grad Celsius und nur bei vollkommener Abwesenheit von Luft und seinen Bestandteilen, man spricht von einem Reduktionsbrand im Gegensatz zum Oxidationsbrand. Grundsätzlich kann man den Brand mit Holzfeuer, in einem Gasofen oder sogar in einem elektrisch beheizten Ofen durchführen. Bei einem elektrisch beheizten Ofen muß man etwas Holz hinzufügen, der luftleere Raum greift jedoch die glühenden Spiralen so stark an, daß sie nach wenigen Bränden verbraucht sind. Daher kommt dieses Verfahren aus wirtschaftlichen Gründen nicht in Frage. Die Schwarzfärbung läßt sich in einem Oxydationsbrand wieder rückgängig machen, d.h. das Spiel von Schwarz- und Rotfärbung des Scherbens läßt sich beliebig oft wiederholen.
2.4 Die Töpferscheibe
2.4.1 Zur Verbreitung der Töpferscheibe in Europa
Die Töpferscheibe wurde etwa in der Zeit zwischen 3.500 und 3.000 v.Chr. in Mesopotamien entwickelt. Aber erst 550 v.Chr. erreicht sie über Nordafrika die iberische Halbinsel und um 100 v.Chr. ganz Westeuropa. (Abb. 1)
2.4.2 Arten von Töpferscheiben
In Abb. 2
wird schematisch die Entwicklung von der niedrigen, handgetriebenen bis zur
etwa tischhohen, fußgetriebenen Töpferscheibe dargestellt. Die niedrige Scheibe
ist seit etwa 2.000 v.Chr. bekannt, eine fußgetriebene Scheibe ist zum
erstenmal
300 v.Chr. auf den Tempelwänden des Osiris-Heiligtums in Philä/Oberägypten zu
sehen.

2.4.3 Die Töpferscheiben bei den Töpfern der schwarzen Keramik: Arten und Gebiete der Benutzung
Die Töpfer in Bisalhães, Vila Seca, Fazamões und Ribolos
benutzen immer noch die niedrige, ca. 30 cm hohe, handgetriebene Scheibe, die
anderen die hohe, fußgetriebene, wobei man in Olho Marino, Carapinhal und
Aradas elektrisch betriebene Scheiben benutzt. (Karte 3) Im Hinblick auf die
technische Entwicklung der Töpferscheibe ist ein deutliches Nord-Süd-Gefälle
festzustellen.

Blickt man über den Bereich der schwarzen Keramik hinaus,
so ist eine Sonderheit zu
bemerken: In Pinhela bei Bragança und im angrenzenden spanischen Gebiet
arbeiten Frauen mit einer Drehhilfe, die der niedrigen Scheibe sehr ähnlich
sieht. Sie arbeiten kniend davor und können die Scheibe deshalb nicht in
Schwung bringen. Ihr Arm ist zu kurz dafür, sie würden das Objekt mit dem Arm
von der Scheibe fegen. Die Scheibe ist kleiner im Durchmesser (ca. 46 cm im
Durchmesser, 21 cm in der Höhe), man spricht hier von einer Drehhilfe. (Karte
4)

2.5 Der Brand
Eine andere regionale Betrachtungsweise läßt sich bei der Art des Brennofens anstellen.
2.5.1 Verschiedene Brennöfen
In der Abb. 4 sind vier Ofentypen zusammengefaßt, die die
ersten Entwicklungsstufen der Brennöfen umfassen: Der Brand auf dem offenen
Feld, der sogenannte Feld- oder Meilerbrand, der Brand in einer Grube, der
Brand im `offenen Ofen", d.h. die Brennkammer wird während des Brandes mit
Scherben abgedeckt und der Ofen mit vertikaler Abgasführung. Von einem Ofen
spricht man dann, wenn Feuerraum und Brennkammer mit der Ware getrennt sind.
Bei dem offenen Feld- und dem Grubenbrand ist dies nicht der Fall, hier liegen
Feuerungsmaterial und das Brenngut zusammen. Ein Nachlegen von
Feuerungsmaterial während des Brandes ist nur von außen möglich. Diese
Brennformen waren bereits während der Altsteinzeit ab ca. 10.000 v.Chr. üblich[1]).

2.5.2 Die Brennöfen der Töpfer der schwarzen Keramik: Arten und Gebiete der Benutzung
Die Töpfer der schwarzen Keramik benutzen noch den
offenen Feldbrand (in Vila Seca, Fazamões, Ribolos), den `offenen"
Ofen (Vilar de Nantes, Bisalhães) sowie geschlossene Öfen mit vertikalen
Abgasführungen (Molelos, Olho Marino, Carapinhal, Aradas) (Karte 5). Auch hier sind deutliche
Regionen auszumachen. In den Orten mit dem offenen Feldbrand arbeitet jeweils
nur ein Töpfer, in allen anderen Orten sind es mindestens zwei.

2.6 Töpferscheibe und Brand: Auswertung der Untersuchung
Werden beide Aspekte, Töpferscheibe und Brennverfahren,
zusammen betrachtet, so ergeben sich auch hier eindeutige Schwerpunkte (Karte
6). In Vila Seca, Fazamões und Ribolos, wo jeweils nur ein Töpfer arbeitet,
herrschen, technologisch gesehen, die ältesten Verfahren vor. Dies macht sich
auch in der Qualität der Ware negativ bemerkbar: Die gröbsten und am
schlechtesten gebrannten Stücke stammen aus diesen Orten. Die Orte selbst
liegen abseits im Gebirge. Fazamões ist selbst auf Militärkarten der 50ziger
Jahre nicht verzeichnet.

In Aradas, Olho Marino und Carapinhal arbeitet man
technologisch gesehen am `fortschrittlichsten", sie nehmen bzgl. der Qualität der Ware aber
nicht den ersten Platz ein. Hier sind Vilar de Nantes bei der Gebrauchskeramik
und Molelos bei der traditionellen Zierkeramik zu nennen. Die Qualität der Ware
hängt in hohem Maße von dem Können der Töpfer ab, besonders im Hinblick auf die
Oberflächenbehandlung und den Brand. Z.B. können nur noch die Töpfer in Vilar
de Nantes große schwarze `talhas" (Vorratsgefäße) fertigen, die anderen haben es inzwischen
verlernt.
2.7 Weitere Auswertungsansätze und ihr regionaler Kontext
Es gibt nun eine Anzahl weiterer Aspekte zur Untersuchung
regionaler Gegebenheiten, wie z.B. die Art der Tonaufbereitung - in Bisalhães
ist dies z.B. ausschließlich die Aufgabe der Frauen, der Vertrieb der
Fertigwaren, Art der Formen und Dekorationen an den einzelnen Standorten,
technische Qualitäten wie Härte des Scherbens, Oberflächenbehandlung,
Gleichmäßigkeit des Brandes ...
Ein interessanter Aspekt, auch in Hinblick auf die Frage,
warum sich dieses Handwerk so lange hat halten können, ist die Verbindungen der
Töpfer untereinander. Ergeben sich vielleicht daraus die regionalen
Schwerpunkte z.B. bei der Art der benutzten Töpferscheibe oder des
Brennverfahrens? Die Befragungen haben jedoch gezeigt, daß die Kontakte der
Töpfer untereinander außerhalb ihrer Dörfer sehr rar sind (Karte 7). Nur der
Töpfer in Aradas und einer der Töpfer in Carapinhal besuchen sich regelmäßig.
Herr Moniz aus Turquel fährt viel herum, um sich bei Kollegen Anregungen zu
holen. So ist er bei Besuchen in Molelos zur schwarzen Keramik gekommen. Der
Töpfer in Pisões hat den Zugang nach Molelos über die Literatur erhalten, er
ist nie persönlich in Molelos gewesen. Man weiß wohl, in welchen Orten es noch
schwarz gebrannte Keramik gibt, kennt aber selten die Kollegen und die
Produkte.

3. "Mein Vater und mein Großvater haben es schon so gemacht!"
Zum Traditionsbewußtsein bei den Töpfern
Für einen Mitteleuropäer ist es immer wieder erstaunlich,
daß die Töpfer, und dies trifft auch für andere Handwerker zu, die
althergebrachten Methoden weiter anwenden, obwohl zumindest einige von ihnen
neuere Verfahren kennengelernt und partiell praktiziert haben. Nur bei der
Suche nach neuen Formen und Dekorationen ihrer Produkte versucht man mit dem
Zeitgeist zu gehen.
Dies soll das Beispiel von Henrique Carvalho aus
Bisalhães aufzeigen. Herr Carvalho ist 61 Jahre alt. Er klagt über
Rückenschmerzen und Rheuma. Bei der jahrzehntelangen Arbeit an der niedrigen,
handgetriebenen Töpferscheibe und in einem feuchten, nicht heizbaren
Arbeitsraum ist dies nicht besonders verwunderlich. 1988/89 hat die
Universidade de Trás-os-Montes e Alto Douro in Vila Real im Rahmen eines
Berufsausbildungsprogramms neun Jugendliche unter Anknüpfung an die Tradition
von Bisalhães im Töpferhandwerk ausgebildet. Man hatte Herrn Carvalho als
Fachmann eingeladen, die Ausbildung an der Töpferscheibe zu leiten. Als
Werkzeug standen moderne, elektrisch angetriebene Scheiben zur Verfügung. Herr
Carvalho hat sich schnell eingearbeitet und intensiv mit den Jugendlichen
trainiert. Er hat also eine moderne Scheibe nicht nur gesehen, sondern auch
mit ihr über eine längere Zeit gearbeitet und die Vorzüge, die er selbst
einräumt, kennengelernt.
Zurück im Dorf aber arbeitet er weiter an seiner alten
Scheibe, obwohl es ihm sichtlich schwerfällt und sich seine berufsbezogenen
gesundheitlichen Probleme verstärken. Von der finanziellen Seite her könnte er
sich die moderne Scheibe wohl leisten. Auf die Frage, warum er denn keine neue
Scheibe kauft, antwortet er zunächst ausweichend, daß er keine Steckdose in
seiner Werkstatt habe. Aber dann kommt der eigentliche Grund: `Mein Vater und
mein Großvater haben schon mit dieser Scheibe gearbeitet[1])
und er könne doch nicht als einziger im Dorf solche Neuerungen einführen. Nein,
das geht nicht!" Hier greift eine soziale Dorfstruktur, aus der ein
Ausbrechen zur Zeit kaum denkbar ist. Wer sein Leben lang in einer derartigen
Struktur gelebt und gearbeitet hat, braucht sehr viel Kraft und Mut, etwas zu
ändern. Miguel Torgas "Neue Erzählungen aus dem Gebirge"[1])
geben eine gute Anschauung dafür.
Ein weiteres Beispiel zeigt eine Art Mysgifizierung des
Schwarzwerdens der Keramik. Jeder Töpfer hat seine eigene Erklärung, warum die
Keramik schwarz wird. Diese Deutung
wird manchmal wie ein Geheimnis gehütet. Das geht sogar soweit, daß man
den Fremden nicht beim Brand zuschauen läßt, wie z.B. Herr Lorenço de Oliveira
in Molelos. Den wissenschaftlich technischen Vorgang kennen die Töpfer selten,
wohl aber sehr genau das Ursache-Wirkung-Prinzip. Man weiß, daß der Ofen beim
Abkühlen sehr penibel abgedeckt werden muß und jedes Rauchwölkchen, das
heraustritt, wird sofort unterbunden: Hier kommt "Luft" in den Ofen
und das gibt rote Stellen auf dem Brenngut. Zudem wissen die Töpfer, daß die
Stücke, die direkt im Zentrum des Feuers liegen, eine glänzendere Oberfläche
erhalten und von besserer Qualität sind.
Messungen von Bränden haben Temperaturunterschiede bis zu 400° Celsius in oben offenen Öfen
festgestellt.
Herr Moniz in Turquel südlich von Alcobaça beschäftigt
sich erst seit 1983 mit dem Schwarzbrand. Dort ist traditionell die rote
Keramik zu Hause. Herr Moniz ist für alles sehr aufgeschlossen und hat bei
einem Besuch in Molelos die Arbeit der Kollegen studiert. Dabei vermaß er genau
den dort üblichen kegelförmigen Ofen, um ihn bei sich sehr exakt nachzubauen.
Für ihn lag das Geheimnis der Schwarzfärbung in der Art des Ofens. Inzwischen
weiß er, daß er auch seinen vorhandenen Ofen hätte benutzen können. Die
Kollegen in Molelos haben ihm ihre "Geheimnisse" nicht verraten, er
hatte nur sehr genau beobachtet und ist auch so zu sehr guten Ergebnissen
gekommen.
Der Töpfer in Pisões hat das Verfahren des Schwarzbrandes
nach einer Monographie über die Töpfer in Molelos von Alberto Correia,
Direktor des Museu Grão Vasco in Viseu, ausprobiert - unberührt von jeglicher
Tradition. Er hat auch gleich seinen vorhandenen Ofen benutzt. Für ihn ist der
Schwarzbrand sehr viel anstrengender als der Rotbrand, da der Ofen auf dem
Höhepunkt der Temperatur luftdicht verschlossen werden muß. Hier fehlt ihm die
Erfahrung der "schwarzen" Kollegen.
Der Begriff +Tradition* wird im Dicionário da Língua portuguesa[1]) wie folgt beschrieben: "tradição: transmissão oral de factos, lendas, dogmas, etc., de geração em geração....". Und nichts weiter tun diese Handwerker mit erstaunlicher Konsequenz und Beharrlichkeit. Tradition wird aber hier zum Hemmschuh der Entwicklung, und sei es nur bei der Verbesserung der Arbeitsbedingungen.
In Meyers großem Taschenlexikon[1]) wird zu dem Begriff +Tradition* u.a. bemerkt: "...Die Neuzeit ist durch eine zunehmende Auflösung der Traditionsverbundenheit gekennzeichnet, eine Folge der wirtschaftlichen, sozialen und politischen Veränderungen, die mit zunehmender Beschleunigung den Erfahrungsraum sowie den Erwartungshorizont erweitern..."
Wie lange werden sich die portugiesischen Töpfer der
schwarzen Keramik noch der Neuzeit verschließen können?

Literatur
Tobias, Werner `Schwarze Keramik in Nordportugal", Ein Bericht über die Arbeit der Töpfer in Bisalhães - Vila Real, Bramsche 1986
Tobias, Werner `Arte tradicional em Portugal", Vila Real (Universidade de Trás-os-Montes e Alto Douro) 1988
Mämpel, Uwe `Keramik, Von der Handform zum Industrieguß", Hamburg 1985, S. 25ff.
Köpke, Wulf `Töpferöfen", Bonn 1985
Rieth, Adolf `5000 Jahre Töpferscheibe", Konstanz 1960
Litzow, Karl `Keramische Technik", München 1984
[1]. Bisalhães ist nach São Pedro de Corval (ca. 50 Töpfer) das zweitgrößte Töpferdorf in Portugal.
[2]. Siehe Mämpel, Uwe "Keramik, Von der Handform zum Industrieguß", Hamburg 1985, S. 25ff.
[3]. Es gibt in Bisalhães Töpferscheiben, die über 200 Jahre alt sind und immer wieder vererbt wurden.
[4]. Miguel Torga "Neue Erzählungen aus dem Gebirge", aus dem Portugiesischen von Curt Meyer-Clason, Freiburg 1990
[5]. tradição, s.f.: transmissão oral de factos, lendas, dogmas, etc., de geração em geração; coisa transmitida; memória; recordação; uso; hâbito; notícia de facto transmitido, oralmente ou por testemunho, que livros sucessivamente publicados confirmam; no sentido católico, a tradição oral independente da Sagrada Escritura, vinda directamente de Cristo ou por intermédio dos Apóstolos, considerada como fonte de revelação divina e por consequência tida como transmissora de verdades de fé. Dicionário da Língua portuguesa, Dicinários Editora, 6. Edição, Porto o.J., S. 1639
[6]. Meyers großes Taschenlexikon in 24 Bänden, 2. Aufl. 1987, Mannheim/Wien/Zürich, Band 22. Tradition [zu lat. traditio, von tradere "übergeben"], die Übernahme und Weitergabe von Sitte, Brauch, Konvention, Lebenserfahrung und Institutionen. T. ist das, was die Generationen verbindet, zw. Vergangenheit und Zukunft Kontinuität sgiftet. Die Neuzeit.......